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Wir Abtsgünder 03.07.2021

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SENSENMÄHKURS am Worb

SENSENMÄHKURS am Worb befestigt und die richtige Grundeinstellung überprüft. Und immer schön aus der Hüfte Seit 2017 gibt Josef Hofer aus Straßdorf auf seinem Ferienhof Sensenmähkurse im Rahmen des Freizeitprogramms der Gemeinde Abtsgmünd Es klingt wenigstens schon ziemlich professionell: „SsssSchChch, SsssSchChch, Ssss- SchChch“ macht die Sense. Ganz leise. Nur das Ergebnis stellt noch nicht zufrieden. Mit dem Finger zeigt Josef Hofer auf einige Stellen, an denen noch lange Halme nach oben drängen: „Wer nachmähen muss, der hat doppelte Arbeit!“ Ein Sensenmähkurs – Geschichte, Technik, Vorbereitung, Praxis – bei Josef Hofer vom Ferienhof Hofer in Abtsgmünd-Straßdorf ist nicht nur ein Kurs in Mähtechnik, sondern auch ein Kurs in Lebensgefühl, so, wie es früher einmal war. Und natürlich ist es auch ein Kurs in Schwäbisch. Hofer, 72 Jahre alt, Nebenerwerbslandwirt, gibt seit 2017 Sensenmähkurse für das Freizeitprogramm der Gemeinde Abtsgmünd auf seinem idyllisch gelegenen Hof im Landschaftsschutzgebiet „Büchelberger Grat“, den er schon in den frühen 80ern auf Demeter umgestellt hat. Mittlerweile hat die nachfolgende Generation die Hauptverantwortung auf dem Hof. Der bäuerliche Familienbetrieb hat Kühe, Kälbchen, Schweine, Schafe, Hühner, Enten, Katzen, Hasen und natürlich einen Hofhund. 2019 fand der letzte Sensenmähkurs statt, dann schlug Corona zu. Ob es in diesem Jahr einen Kurs geben kann? „Zu 99 Prozent nicht“, sagt er mit Bedauern. Aber: „Wir machen die Kurse immer Anfang September – nach der Erntezeit, vor der Obsternte“, sagt TEXT: ANSGAR KÖNIG/FOTOS: ANSGAR KÖNIG/PRIVAT er, und bis September kann ja noch einiges passieren. Hofer steigt bei den Kursen mit Historischem ein, „von, wie es früher einmal war‘ bis hin zu modernsten Mähmaschinen – oder andersrum“. Kreiselmähwerk, Messerbalken am Oldtimerschlepper, Balkenmäher. Grundwissen. Anschließend folgt die Vorbereitung des Arbeitsgeräts – dengeln, wetzen –, dann geht’s an die Arbeit. Und ganz nebenbei gibt’s Schwäbisch pur. Sensen heißen „Segessa“, mähen heißt nicht mähen, sondern „maia“, der Griff heißt „Worb“. Im besten Fall endet der Kurs mit Fachgesprächen bei einem Glas Most oder Holunderlikör aus eigener Produktion. Beim ersten Kurs, so blickt Hofer zurück, war das Interesse groß: „Das Fernsehen war da, Radio, Zeitungen.“ Und auch in den Jahren danach waren die Kurse stets gut besucht. Hofer will mit der alten Handwerkstechnik des Sensens auch Interesse für das bäuerliche Leben wecken. Das war und ist – und ganz besonders im Fall des Sensenmähens – auch beschwerlich. Das durfte der Reporter von „Wir Abtsgmünder“ am eigenen Leib erfahren. Zur Vorbereitung: Zunächst wird das Sensenblatt gelockert. Mit der einen Seite kratzt Hofer einen Strich an die Scheunentür, wenn die Sensenspitze auf derselben Höhe liegt, dann passt’s. Es gibt übrigens zweierlei Sensen, der alte Worb mit langen Holzgriffen, sogenannten Stelzen, andere metallisch neumodischere mit kurzen Griffen. Neue brechen nicht so leicht, fordern aber mehr Kraft, bei den alten hingegen muss sich der Senser nicht so sehr bücken, „das ist ergonomischer – für meine Altersklasse“, erklärt der 72-Jährige. Es folgt der Sicherheitshinweis: „Sensen sind Waffen und damit gefährlich“, fasst Hofer kurz und knackig zusammen und erinnert an die Bauernaufstände im Mittelalter, als Bauern mit Sensen und Mistgabeln auf die Fürsten losgehen. Damit es den Kursteilnehmern nicht geht wie den Fürsten, gilt Sicherheitsabstand. „1,5 bis 2 Meter“, empfiehlt Hofer, „besonders beim Mähen“, wenn alles im Schwung ist. „Bisher ist bei meinen Kursen aber alles gut gegangen.“ Dann geht’s ans Dengeln. Die Schneide der Sense wird auf dem „Dengelstöckle“ mit einem Hammer millimeterdünn ausgeschlagen. Das erfordert eine gewisse Fingerfertigkeit. „Baura, wo net hen dengla kenna“, sagt Hofer in breitestem Schwäbisch, „send zum Schmied.“ Denn Scharten, „Macka“, die sind hier unerwünscht. Hofer erinnert sich, dass sein Vater diese Arbeit immer am Abend – „nach dem Vesper“ – erledigt habe, damit die Sensen für den nächsten Arbeitstag gerüstet sind. Die zerlegte Segess wird wieder, mit Hilfe eines speziellen Vierkantschlüssels, über das Schloss Nächster Arbeitsschritt: Wetzen. Das scheint vergleichsweise einfach. Schnell und zielsicher fährt Hofer mit dem Wetzstein über die Klinge, immer abwechselnd vorne und hinten, bis er mit der Schnittfläche zufrieden ist. Der Wetzstein landet anschließend – bis zum nächsten Gebrauch – in einem mit Wasser gefüllten Ochsenhorn, dem „Kopf“. Mittlerweile gibt es Köpfe auch aus Holz, Blech oder Kunststoff, aber die wären auf dem Ferienhof Hofer eher deplatziert. Endlich geht es an die eigentliche Arbeit. Nur wenige Schritt vom Hof entfernt hat Josef Hofer eine Wiese ausgeguckt, die gemäht werden soll, eine steile Wiese zwischen zahlreichen Obstbäumen. Jetzt zeigt sich das wahre Können der Sense. Andere Mähgeräte – allen voran ein Rasenmäher – würden hier an ihre Grenzen kommen. Zu steil, zu verwinkelt, Zaunpfosten, Bäume und Ameisenhaufen sind im Weg. Das ist der Grund, warum hier mit der Hand gemäht wird: „Es gibt einfach Stellen, da kommt man mit einem Mäher nicht hin“, sagt Hofer. Und man kann beim Mähen auf Ameisen und andere Tiere Rücksicht nehmen. „Wenn ein Rasenmäher oder ein großes Mähwerk Bevor es ans „Maia“ geht, wird gedengelt. Josef Hofer macht’s vor. anrollt, dann haben Frosch, Reh oder Blindschleiche keine Chance“, sagt Hofer, „aber die Tiere hören die Sense. Sie ist ein Arbeitsgerät, das die Artenvielfalt erhält.“ Es kommt die Zeit, da will die Sense sensen. Wir suchen uns einen sicheren Stand, Beine hüftbreit auseinander, die Bauchmuskeln sind angespannt. Der Schwung für den Schnitt selbst kommt anfangs aus den Schultern, später, wenn man die Technik besser beherrscht und sich mehr zutraut, aus der Hüfte. Fast wie auf dem Tanzboden: Auf den Hüftschwung kommt es an. Das sieht – wie so oft – beim Profi einfach und unangestrengt aus, dem Amateur hingegen läuft der Schweiß ins Genick und das Ergebnis ist, siehe oben, wenig erfreulich. „Bauern waren früher ranke, schlanke Kerle“, erzählt Hofer. Sensenmähen scheint auch eine Art Fitnesstraining zu sein. Es gibt ein paar Kniffs: Die Sense liegt knapp über dem Boden, die Spitze leicht nach unten geneigt. Wer’s beherrscht, dem gelingt ein flüssiges Arbeiten mit einer eleganten Drehbewegung aus der Hüfte. Naja, wer’s kann. Zum Abschluss führt uns Josef Hofer noch über den Hof. Seit fast 20 Jahren bietet die Familie Ferienwohnungen an, 40 Bienenvölker sorgen für Honig, seine Streuobstwiesen sind ein Augenschmaus. Alte Sorten, neue Sorten, Sorten für Allergiker. Hofer zählt auf: „Apfel, Birne, Kirsche, Zwetschge, Pfirsich, Traube, Walnuss, Maronen, und, und, und…“ Ein besonderer Blickfang ist sein „Hortus-Garten“, ein abgegrenztes Gebiet, das so naturbelassen wie möglich bleibt, in dem heimische Insekten, Vögel und Säugetiere tun können, was sie wollen. Alle Pflanzen sind einheimisch und/oder insektenfreundlich. Und doch ist der Garten auch eine Schnittstelle zum Menschen – es sollen alle was davon haben. Der Rundgang endet schließlich im kleinen Hofladen des Ferienhofs. Hier steht nun das Ergebnis aller Mühen. Wer „g’schafft hot“, der darf sich auch ein Gläschen Holderlikör genehmigen. Zum Wohl. • Weitere Infos: www.ferienhofer.de oder E-Mail an info@ferienhofer.de WIR SIND ROMMELAG! www.rommelag.com/karriere QR-CODE SCANNEN 6 7