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Biberach kommunal 31.08.2022

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Biberach kommunal

BIBERACH KOMMUNAL Amtliches Mitteilungsblatt der Stadt Biberach | Mit den Teilorten Mettenberg, Ringschnait, Rißegg und Stafflangen Nr. 30 | 31. August 2022 Das Begleitbuch zur Ausstellung „Ankommen 1945–1960“ lässt Zeitzeugen zu Wort kommen „Mit den Rucksackdeutschen sollt ihr nicht spielen“ Der Ukrainekrieg und die Flucht von Millionen vor allem Frauen und Kindern aus dem vom Krieg heimgesuchten Land machen die Ausstellung „Ankommen 1945–1960“, die derzeit im Museum Biberach läuft, brandaktuell. Es geht dabei um die Schicksale von Flüchtlingen und Vertriebenen, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Heimat verlassen mussten. Im Mittelpunkt stehen die rund 6000 Frauen, Männer und Kinder, die zwischen 1945 und 1960 in Biberach aufgenommen wurden. Zur Ausstellung ist ein Begleitbuch von Museumsleiter Frank Brunecker erschienen. Einen wesentlichen Teil des Begleitbuches zur Ausstellung „Ankommen 1945–1960“ machen eindrucksvolle Zeitzeugenberichte aus. Einen wesentlichen Teil des Buches, nämlich rund 100 Seiten, machen Zeitzeugenberichte aus. Wer die Texte liest, bekommt einen Eindruck davon, wie tief die Erfahrungen sitzen und wie aufwühlend die Erinnerungen heute noch sind. Edeltraud Garlin, eine Zeitzeugin, wurde 1943 in Breslau, der Hauptstadt Schlesiens, geboren. Im Januar 1945 musste ihre Mutter (geb. 1917) mit ihrer Schwester, die noch Säugling war, und ihr selbst vor der Roten Armee fliehen. Auch Oma und Opa väterlicherseits und eine Schwester des Opas kamen mit. Der Vater (geb. 1915) war weit weg an der Front in Frankreich. Nachfolgend einige Auszüge. „Meine Mutter packte alle wichtigen Papiere und das Nötigste in einen Rucksack. Auch ich trug mit meinen knapp 1,5 Jahren einen Rucksack mit Wäsche. Für meine Schwester nahm meine Mutter die Matratze aus dem Kinderwagen heraus und polsterte die Liegefläche mit Milchpulverpäckchen und Windeln aus. Es war bitterkalt. Um die 25 Grad minus ... Im Güterwaggon ging es zunächst nach Waldenburg in Niederschlesien zu einer Tante, die die Familie ein paar Wochen aufnahm, bis die Front näher rückte. Deshalb flohen wir weiter nach Prag. In einem Aufnahmelager lernte meine Mutter eine Kriegerwitwe mit drei kleinen Söhnen kennen. Diese riet ihr von der Fluchtroute über Dresden und Berlin nach Norddeutschland ab, und empfahl ihr den Weg nach Bayern zu nehmen. Namentlich Nesselwang oder Pfronten. Sie selber hoffte auf ein Unterkommen bei den Verwandten ihres gefallenen Mannes. Aber keiner hatte Platz für die Fremden und so landeten wir im Gasthaus „Krone“ in Pfronten Dorf. … Als die amerikanischen Besatzer kamen, mussten wir das Hotel verlassen, das Geld ging auch zur Neige, und so wurde meine Mutter mit ihren zwei Kindern bei einem Bauern untergebracht … Auf die Bitte meiner Mutter nach Holz wurde ihr empfohlen in den Wald zu gehen und welches zu holen. Sie erbat sich einen Schlitten, Axt und Säge und zog los. Der Bergwald war nicht weit weg. Sie kam mit Heizmaterial heim. Das brachte ihr die Achtung der Bauern ein und ab da wurde für sie sogar der Baum umgesägt, den sie dann klein machte. Regelmäßig ging sie auch kilometerweit auf Hamstertour für ein paar Kartoffeln und etwas zu essen. Die Großeltern hüteten dafür die kleinen Kinder. Endlich im Mai 1946 wurde mein Vater aus englischer Kriegsgefangenschaft entlassen und fand zum Glück zu uns. Wir bemühten uns um eine eigene Wohnung und wurden bei einem Fabrikanten in Pfronten-Meilingen in der Gesindewohnung einquartiert. Wir Kinder durften im vorderen Garten spielen und in den Tannen klettern. Es war eine glückliche Kindheit. Niemand behandelte uns Kinder schlecht. … Unsere Eltern hielten alle Schwierigkeiten von uns Kindern fern. Die Ablehnung, die sie selbst erfuhren, bemerkten wir nicht. Mein Vater hatte Schneider gelernt, um später das Modegeschäft seiner Mutter in Breslau übernehmen zu können. Möglichst bald machte er die Meisterprüfung in Kaufbeuren und eröffnete 1947 in Pfronten eine Schneiderei. Bis 1949 hielt die Schneiderei, dann nahm mein Vater eine Stelle in Reutlingen an und arbeitete sich langsam hoch. 1952 zog auch die Familie nach Reutlingen. Hier in Württemberg war es ganz anders als im Allgäu. Schon am ersten Tag musste ich in unserer Straße hören: „Mit den Rucksackdeutschen sollt ihr doch nicht spielen.“ Selbst wir Kinder wurden als lästige Flüchtlinge abgestempelt… Als ich in die Oberschule kam, hieß es in der Nachbarschaft: „Was bilden sich diese Flüchtlinge eigentlich ein?“ Wenn ich später eine Freundin aus dem Mädchengymnasium zu Hause besuchte, klagte ihre Mutter regelmäßig über die vielen „Kopftuchweiber“ in der Straßenbahn. Sie fühle sich wie in Batschka. Für sie waren alle Flüchtlingsfrauen Kopftuchfrauen. Fortsetzung auf Seite 2