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Rottum Bote 19.05.2021

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Rottum Bote

Jeden Mittwoch in 14.000 Haushalten Mittwoch, 19. Mai 2021 Die Wochenzeitung der Schwäbischen Zeitung für Ochsenhausen, Illertal und Umgebung Geheimnisse zwischen 1600 Pfeifen Denkmalgeschützte Dettinger Kirchenorgel sorgt bei der Wartung für Überraschungen Von Karen Annemaier ● DETTINGEN - Die Orgel schweigt noch bis Pfingsten in Mariä Himmelfahrt, der Dettinger Dorfkirche. Sängerinnen und Sänger des Kirchchors putzen gerade jede einzelne ihrer 1600 Pfeifen. Orgelbaumeister Josef Pferdt überholt das Instrument zurzeit und fördert dabei manche Überraschung ans Tageslicht. „Ich wusste gar nicht, dass wir so etwas Besonderes haben“, sagt Stefanie Redle vom Dettinger Kirchengemeinderat. Inzwischen weiß sie es besser. Denn die Ortskirche Mariä Himmelfahrt beherbergt eine der letzten intakten pneumatischen Orgeln im Landkreis. Gebaut hat sie die Biberacher Firma Reiser, eine von ehemals vier großen Orgelbaufirmen im Süden Deutschlands. Weil das Instrument weitgehend im Urzustand aus dem Jahr 1913 erhalten ist, steht sie unter Denkmalschutz. Sogar die mechanische Tretvorrichtung für die Luftzufuhr ist noch vorhanden. Selbst bei Stromausfall könnte man in Dettingen also einem Kirchenkonzert lauschen. Meisterin Josef Pferdt (Orgelbauer), Theresia Lang (Organistin), Josef Steinhauser (Mesner, von links) sind mit der Orgel vertraut. FOTO:PRIVAT von Manual und Pedal ist seit über 50 Jahren Theresia Lang. Als 15-Jährige hat sie die ersten Gottesdienste in Mariä Himmelfahrt begleitet. An Klang und Möglichkeiten biete die Orgel sehr viel für so eine Dorfkirche und „sie ist einfach gut zu spielen“, schwärmt sie. Das liegt an der pneumatischen Technik, erläutert Orgelbaumeister Josef Pferdt aus Isny, der offizielle Nachfolger der vor sechs Jahren geschlossenen Firma Albrecht Reiser. An der Dettinger Orgel ist der Spieltisch also nur über Luftröhren und Membranen aus Darmleder mit den Pfeifen verbunden. Mechanische Orgeln dagegen bewegen über ein Holzgestänge die Ventile der Pfeifen und sind dadurch anstrengender zu bedienen. Diese waren im Barock und sind wieder seit dem Ende des Zweiten Weltkrieg gängig. In der Epoche der Romantik dagegen waren pneumatische Orgeln der Trend. Sie sollten mit ihren tiefen Tönen und zahlreichen Registern Orchester nachahmen. Das kann auch das gut ausgestattete Dettinger Exemplar. „Vom Klang her fühlt man sich wie in einer großen Kirche“, sagt Orgelkenner Pferdt. Während Mitglieder des Kirchenchors mit Staubwedeln jede der 1600 Pfeifen reinigen – die kleinste ist nicht größer als ein Bleistift, die größte misst fünf Meter und 28 Zentimeter im Durchmesser – inspiziert Pferdt das übrige Instrument. In einem bemerkenswert gutem Zustand sei es. Erfahrungsgemäß lagert sich im Orgelinneren wegen des Kondenswassers an verschiedenen Stellen Schimmel an. Das sei in Dettingen kaum der Fall. Dafür hat Stefanie Redle eine Erklärung, „unser Mesner Josef Steinhauser hat die Kirche, das Lüften und die Pflege so gut im Griff, dass die alten Dinge in einem so guten Zustand sind“. Steinhauser hat das Amt von seinem Vater und der wiederum vom Großvater übernommen, berichtet sie. Aus einer noch früheren Generation stammen verschiedene Hinweise und Erinnerungen, die an und in der Orgel versteckt sind. So lagerten auf dem Blasebalg schwere Tonziegel. Man hatte sie in eine dicke Tapete und zuvor in Zeitungsseiten aus dem Entstehungsjahr 1913 gewickelt. „Ich bin sicher, man wollte der Nachwelt eine Botschaft senden“, glaubt Stefanie Redle. Die Dettinger der Gegenwart taten es gleich und wickelten die Steine wieder in aktuelle Zeitungsseiten aus dem Pandemie-Jahr. Ein Gruß in eine andere Sphäre findet sich am Schwellwerk der Orgel. Schlosser, Maler und ihre Gehilfen verabreden sich dort in schönster Schrift und mit vielen Verzierungen für ein „Wiedersehen im Jenseits“. Weniger getragen der Spruch eines „armen Orgelbauers!“, der mit Bleistift diese Botschaft hinterlassen hat : „O Orgel wie bist du so herrlich, so schön von außen anzusehen, doch für den aber, der in dir arbeiten muss, ist es wirklich kein Genuss.“ Ob Orgelbaumeister Josef Pferdt ein besserer Dichter ist oder sich anders in Erinnerung bringt, das bleibt vorerst abzuwarten. Bis zur nächsten Wartung in etlichen Jahren. ANZEIGE