Aufrufe
vor 4 Monaten

BUSINESS today | September 2019 - Ost

  • Text
  • Unternehmen
  • Ellwangen
  • Aalen
  • Digitalisierung
  • Telefon
  • Arbeit
  • Region
  • Dorothee
  • Menschen
  • Tagungen
  • September

BUSINESS KULTUR Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall. Bild: Andi Schmid KUNSTSAMMLUNG WÜRTH Mit einem Aquarell von Emil Nolde fi ng es an E Reinhold Würth, der 84-jährige „Schraubenkönig“ aus Künzelsau, ist eine der letzten noch lebenden Unternehmerpersönlichkeiten, deren Namen für das Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg stehen. Ein wichtiger Platz in der deutschen Wirtschaftsgeschichte ist ihm damit sicher. Aber nicht nur dort. Mit dem Aufbau einer der bedeutendsten privaten Kunstsammlungen Europas hat Reinhold Würth auch einen wesentlichen Beitrag zum kulturellen Leben in Deutschland und darüber hinaus geleistet. Von Rolf Dieterich s war ein überraschendes Bekenntnis. Die Musik, sagte Reinhold Würth einmal in einem Gespräch mit der „Schwäbischen Zeitung“, bedeute ihm als Ausgleich vom beruflichen Alltag mehr als seine Bilder und Skulpturen. Selbstverständlich, so fügte er aber rasch hinzu, sei auch die bildende Kunst ein wesentlicher Teil seines Lebens und eine große Bereicherung. So muss es ja wohl auch sein, denn was Reinhold Würth seit den 1960er Jahren an wertvoller Kunst zusammengetragen hat, ist zumindest in Deutschland so gut wie ohne Beispiel. Rund 18.000 Kunstwerke – Gemälde, Grafiken, Skulpturen vor allem ab dem ausgehenden 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart, aber auch aus dem späten Mittelalter – sind heute im Sammlungsinventar aufgeführt. Ihr Gesamtwert wird sicher im dreistelligen Millionenbereich liegen. Ein (wechselnder) Teil davon ist der Öffentlichkeit in den beiden großen Würth-Museen in Künzelsau und Schwäbisch Hall sowie einem Dutzend Dependencen im In- und Ausland zugänglich. Die Museen veranstalten aber auch große Ausstellungen mit Leihgaben aus anderen Häusern. Am Anfang der Sammeltätigkeit des Unternehmers stand der Erwerb des Aquarells „Wolkenspiegelung in der Marsch“ 58

Auch heimische Künstler werden bei Würth mit Ausstellungen gewürdigt, so etwa der Holzschneider HAP Grieshaber 2017/18 in Künzelsau. Bild: Julia Schambeck Drei Stahlfiguren von Horst Antes weisen vor der Kunsthalle Würth den Weg zu einer Ausstellung dieses Malers und Bildhauers, der mit einer ganzen Werkgruppe in der Sammlung vertreten ist. Bild: Beate Lutz-Weber von Emil Nolde. Das war im Jahr 1964. Wahrscheinlich hatte sich Würth damals selbst nicht vorstellen können, was sich aus diesem ersten Kunstankauf entwickeln würde. Er sah sich zunächst auch nur als „Amateursammler“, der sich mit Kunstwerken seines Geschmacks umgeben wollte. Doch dabei blieb es nicht lange. Bald reihte sich Kunsterwerb an Kunsterwerb, und aus der amateurhaften Sammlung wurde eine absolut professionelle Kollektion unter der Beratung und Betreuung von kunsthistorischen Fachleuten. Schwerpunkte der Sammlung Würth sind einmal Werke der „klassischen Moderne“ etwa von Max Beckmann, Ernst Ludwig Kirchner, Max Ernst, Edvard Munch oder auch dem Jahrhundertgenie Pablo Picasso. Die Gegenwartskunst ist mit ganzen Werkblöcken unter anderem von Horst Antes, Georg Baselitz, Anselm Kiefer und Christo vertreten. Immer größere Bedeutung gewinnen auch bildhauerische Arbeiten zum Beispiel von Henry Moore, Eduardo Chillida, Alfred Hrdlicka oder Robert Jacobsen. Nach der Jahrtausendwende wurde die Kollektion um hochbedeutende Werke spätmittelalterlicher Kunst erweitert. 2003 erwarb Reinhold Würth aus den Fürstlich Fürstenbergischen Sammlungen eine ganze Reihe von Gemälden des 15. und 16. Jahrhunderts, darunter Arbeiten von Lucas Cranach und dessen Werkstatt, des Meisters von Meßkirch, des Zürcher Veilchenmeisters und Bernhard Striegels. Um diese Bilder in einem angemessenen Rahmen präsentieren zu können, kaufte Würth die aufgelassene Johanniterkirche in Schwäbisch Hall, die heute als Zweigstelle der Kunsthalle Würth geführt wird. Auf internationale Aufmerksamkeit stieß 2012 der Erwerb der berühmten Schutzmantelmadonna von Hans Holbein dem Jüngeren. Schätzungen gehen davon aus, dass sich Reinhold Würth dieses großartige Bild mindestens 50 Millionen Euro kosten ließ. Das ist wahrlich viel Geld, aber es wurde damit sehr wahrscheinlich auch verhindert, dass dieses Juwel der deutschen Renaissancemalerei auf Nimmerwiedersehen ins Ausland abwanderte. Reinhold Würth ist zweifellos ein großer und leidenschaftlicher Kunstliebhaber. Aber er ist auch und vor allem ein höchst erfolgreicher Kaufmann, und so räumt er selbst ein, dass bei seiner Sammeltätigkeit auch ein bisschen kaufmännisches Kalkül im Spiel sei. So könnten sich die Besucher, die ins Museum im Verwaltungsgebäude der Würth-Zentrale in Künzelsau kommen, zugleich auch über das Unternehmen informieren. Das, sagt Würth, gebe „Wohlwollenspotenzial in dieser Raumschaft und darüber hinaus“. Auch den Beschäftigten habe die Kunst „ein neues Fenster der Lebensqualität geöffnet“. Außerdem stärke es das Wir-Gefühl der Belegschaft, wenn die Mitarbeiter von Bekannten auf die außergewöhnliche Umgebung ihres Arbeitsplatzes angesprochen werden. Dass Reinhold Würth gelegentlich darauf hinweist, dass man im Notfall auch Kunstwerke verkaufen und damit dem Unternehmen Liquidität verschaffen könnte, dürfte freilich eine sehr theoretische Betrachtungsweise sein. Bisher jedenfalls hat der Sammler noch nichts verkauft, und es gibt auch keinerlei Anzeichen dafür, dass dies einmal nötig sein könnte. Reinhold Würth in seinem Büro. Bild: Würth 59