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10 | Städtische

10 | Städtische Rehakliniken Raus aus dem „Hamsterrad“! Psychologin Heidi Wurm von den Städtischen Rehakliniken über Stress und Wege aus der Krise Bad Waldsee - Die Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen haben sich in den vergangenen Jahren verdoppelt. Heidi Wurm, stellvertretende Leiterin im Bereich Psychologie bei den Städtischen Rehakliniken Bad Waldsee, hat sich intensiv mit chronischen Erschöpfungen befasst. Für KURLAND sprach Wolfgang Heyer mit der Lebensberaterin über gefährlichen Stress, das „Hamsterrad“ und Lösungsansätze, die aus der Krise herausführen. Frau Wurm, früher war alles besser und die Menschen waren weniger krank. Oder wie erklären Sie sich die auffällig ansteigenden Krankheitstage aufgrund psychischer Probleme? Unser Lebensumfeld hat sich verändert und die Arbeitswelt ist komplexer geworden. Dinge verändern sich heute viel schneller und wir sind mit mehr Unsicherheiten und Herausforderungen konfrontiert. Somit sind die intellektuellen und psychischen Anforderungen der Arbeit höher geworden, während sich die körperlichen Belastungen eher reduziert haben. Früher hatten die Menschen häufiger Rückenschmerzen als psychische Erkrankungen. Und warum haben die psychischen Probleme derart zugenommen, dass sie das Arbeiten für eine gewisse Zeit unmöglich machen? Freunde und Familie können dem Betroffenen wichtige Unterstützung geben im Alltag und ihn bestmöglich begleiten. An den modernen Trainingsgeräten im Maximilianbad wird die körperliche Fitness trainiert, aber auch die seelische Gesundheit kann gestärkt werden. In den vergangenen Jahren haben wir uns viel um den Erhalt unserer körperlichen Gesundheit und um Fitness gekümmert. Nun muss noch mehr ins Bewusstsein rücken, dass wir auch unsere seelische und psychische Gesundheit trainieren können. Kurz gesagt: Um mit den veränderten Lebensbedingungen umgehen zu können, braucht es andere Fähigkeiten und neue Kompetenzen, die uns ganzheitlich gesund bleiben lassen. Macht uns Arbeit also krank? Wir sollten uns fragen: Welche Anforderungen habe ich an die Arbeit? Früher war die Arbeit zum Gelderwerb da, mittlerweile haben wir viele weitere Ansprüche an die Arbeit. Sie soll Spaß machen, die Kollegen sollen nett sein, man will sich persönlich weiter entwickeln und Prestige soll die Arbeit auch mit sich bringen. Das ist ein bunter Strauß an Anforderungen. Da müssen wir uns bewusst machen, welche Anforderung gerade nicht erfüllt wird und warum. Denn immer nur Spaß bei der Arbeit zu haben ist einfach nicht realistisch. Arbeit ist eben auch Verpflichtung! Eine psychische Erkrankung sieht man beim Blick in den Spiegel nicht. Wie kann man sich dessen dann bewusst werden? Letztendlich ist es ein Gefühl - ein Gefühl des Wohlbefindens. Und wenn ich mich nicht mehr wohl fühle, mich ständig überlastet fühle, Versagensängste habe oder ich die Arbeit oder mein Tun und das Leben an sich als nicht besonders sinnvoll erachte, dann sind das deutliche Anzeichen, etwas zu verändern. Welche Möglichkeiten gibt es, diesem „ausgebrannten“ Gefühl beziehungsweise Stress vorzubeugen? Man sollte entsprechend seiner eigenen Werte, Prinzipien und Vorstellungen leben. Manchmal ist uns gar nicht

Städtische Rehakliniken | 11 bewusst, was uns unzufrieden macht. Dann ist es wichtig, sich die eigenen Werte klar zu machen und das Leben dahingehend auszurichten. Und wie kann man sich ganz konkret vor Stress schützen? Eine Analyse der einzelnen Lebensbereiche hilft ebenso wie die Frage, was kann ich verändern und was nicht. Jammern bringt nichts. Vielmehr sollte ich das Arbeitsleben so gestalten, dass es für mich annehmbar ist. Und wenn das nicht mehr der Fall ist, muss man kündigen. Das sind manchmal auch harte Entscheidungen, die zu treffen sind. Welche Berufsgruppen sind aus Ihrer Sicht besonders betroffen und warum? Hoffnung auf Verbesserung ist ein erster Schritt zur Veränderung. Fotos (5): Städtische Rehakliniken (Heidi Wurm), Toa Heftiba und Francisco Moreno on Unsplash Aus meiner Erfahrung heraus habe ich es häufig mit Beschäftigten aus sozialen Berufen zu tun, weil sie oft den Anspruch an sich haben, über die eigenen Leistungsgrenzen hinaus zu helfen. Und in dieser Branche herrscht meist Personalmangel. Auch Jobs, die keine klaren Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben haben, bergen die Gefahr einer Selbstüberforderung. Hier ist es ganz wichtig, sich abzugrenzen und ab einem bestimmten Zeitpunkt zu sagen: Für heute ist Schluss mit der Arbeit! In Fachzeitschriften ist zu lesen, dass vor allem Frauen unter psychischen Erkrankungen leiden. Wie erklären Sie sich das? Das hängt mit der Sozialisation und der Erziehung zusammen. In der Kindheit Psychische Erkrankungen werden von den Betroffenen häufig zu lange verheimlicht - umso länger dauert die Genesung. haben viele Mädchen Glaubenssätze wie „Ich muss es allen recht machen und brav sein“ oder „Ich muss es alles alleine schaffen, ich darf anderen nicht zur Last fallen“ vermittelt bekommen. Jungs waren da rebellischer. Frauen brauchen daher länger, bis sie um Hilfe bitten. Außerdem ist die Fürsorge für andere beim weiblichen Geschlecht evolutionsbiologisch stärker ausgeprägt. Die Selbstfürsorge hingegen ist weniger stark ausgeprägt als bei Männern. Wie können Partner und Familien bei Stress und Druck unterstützend eingreifen? Oftmals werden Aufmerksamkeit und gut gemeinte Ablenkungsversuche von den Betroffenen zusätzlich als Stress empfunden. Das ist tatsächlich sehr schwierig. Aber familiäre Eingebundenheit und soziale Kontakte sind Schlüsselfaktoren für unsere psychische Stabilität. Wenn ich Menschen um mich herum habe, die mich lieben, kann ich schwierige Situationen einfacher meistern. Aber das „Hamsterrad“ der Arbeit von außen zu durchbrechen ist schwierig. Das soziale Umfeld ist also machtlos? Nicht komplett. Man kann dem Betroffenen aufzeigen, dass es Möglichkeiten gibt - sich beispielsweise Hilfe bei Psychologen oder Lebensberatern zu holen. Oder man kann Berichte über Erschöpfung und Stress auf den Tisch legen und darüber sprechen. Es geht darum, dem Betroffenen im ersten Schritt die Scham zu nehmen und miteinander ins Gespräch zu kommen. „Stress lass nach!“ Heidi Wurm ist neben ihrer Arbeit bei den Städtischen Rehakliniken als freiberufliche Lebensberaterin, Coach und Trainer für Geist, Körper und Seele tätig. In dieser Eigenschaft hält sie auf Einladung der Volkshochschule am Mittwoch, 12. Februar, um 18.30 Uhr einen Impulsvortrag zum Thema „Stress lass nach!“ Infos und Anmeldung unter Telefon 07524/49941.