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aktiv Magazin - Winter 2021 - Nord/West

GESUND Die Niere Das

GESUND Die Niere Das Organ, das unser Blut filtert Der Mensch besitzt zwei Nieren, die links und rechts vor der Wirbelsäule, etwa auf Höhe der unteren Rippen angesiedelt sind. Jede Niere ist, je nach Körpergröße des Menschen, etwa 9 bis 12 cm lang, etwa 4 bis 6 cm breit und etwa 3 bis knapp 5 cm dick. Zusammen wiegen sie nur ca. 300 g. Unsere Nieren produzieren nicht nur täglich 1,7 Liter konzentrierten Urin und reinigen das Blut, sondern eliminieren Abfallprodukte und Giftstoffe, regulieren den Flüssigkeits- und Mineralienhaushalt, den Blutdruck und den Knochenstoffwechsel. 300-mal filtern die Nieren pro Tag das gesamte Blut. Das heißt, dass täglich etwa 1800 Liter Blut durch die Nieren fließen. Etwa jeder zehnte Mensch leidet an einer chronischen Nierenschwäche. Das Tückische: Sie wird oft spät entdeckt, weil sich die Symptome schleichend und unspezifisch über einen längeren Zeitraum entwickeln – und erst auftreten, wenn mehr als 50 Prozent der Nierenfunktion ausgefallen sind. Wenn eine Niere nicht mehr funktioniert, übernimmt die andere fast alle Aufgaben. Sind beide Organe dazu nicht mehr in der Lage, ist die Dialyse – eine Nierenersatztherapie und künstliche Blutwäsche – eine Alternative. Dabei handelt es sich um ein Verfahren, mit dem das Blut von giftigen Stoffen gereinigt wird. Am 12. März ist Weltnierentag. Er wurde 2006 ins Leben gerufen und steht seither jedes Jahr unter einem besonderen Motto. Seit 2010 findet um den Weltnierentag in Deutschland auch die Nierenwoche der Deutschen Nierenstiftung statt. 28 | aktiv Winter 2021

GESUND ” EXPERTENINTERVIEW DIE NIEREN: HIER IST VORSICHT GEBOTEN Die Nieren arbeiten ohne Unterlass in unserem Körper. Höchste Zeit, dass wir einen professionellen Blick auf ihr Wirken werfen. Das tun wir mit Prof. Dr. med. Alexander Lampel, Direktor der Klinik für Urologie und Kinderurologie am Schwarzwald-Baar-Klinikum in Villingen-Schwenningen. Mehr Informationen gibt es im Internet unter www.bundesverband-niere.de Welche Krankheiten können die Nieren befallen? Sie können durch äußere und innere Einflüsse erkranken. Äußere Einflüsse wären z. B. eine Verletzung – etwa nach einem Sturz oder einem Unfall, durch den eine Niere reißen oder platzen kann. Innere Einflüsse umfassen kreislaufbedingte schlechte Durchblutung, die zu Bluthochdruck und Nierenfunktionsverlust führen können sowie Entzündungen der Niere: Autoimmunerkrankungen oder sog. Nierenbeckenentzündungen, die meist als Folge aufsteigender Infekte von einer Blasenentzündung ausgehen. Generell hängen Nierenerkrankungen eng mit Blasen-Problemen zusammen, da es sich um ein zusammenhängendes System handelt, und daher muss man Erkrankungen des einen oder anderen Organs oft im Zusammenhang sehen. Von Blasenentzündungen und davon ausgehenden Nierenbeckenentzündungen sind häufiger Frauen betroffen. Das hängt mit der höheren Neigung zu Blaseninfekten aufgrund der kurzen Harnröhre bei Frauen zusammen. Innere Einflüsse betreffen darüber hinaus den Nierenkrebs, der die siebthäufigste Krebsart ist. Außerdem Nierensteine, aufgrund der Häufigkeit eine Volkskrankheit, von denen mehr Männer als Frauen betroffen sind. Und schließlich gibt es noch angeborene Erkrankungen wie den Reflux, bei dem die Harnleitermündung falsch angelegt ist und der Urin in die Niere zurückfließt, was auch häufige Infekte der Niere bedingt, sowie die angeborene Nierenbeckenabgangsenge, bei der der Übergang vom Nierenbecken zum Harnleiter zu eng ist, was den Abfluss des Urins beeinträchtigt und oft operativ korrigiert werden muss. Nierenerkrankungen bemerkt der Mensch oft sehr spät, weil sie erst Schmerzen oder Beschwerden verursachen wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Gibt es Möglichkeiten, früher etwas zu erahnen? Das ist schwierig, eben weil langsam sich entwickelnde Probleme keine Beschwerden verursachen. Wenn die Nieren nicht mehr anständig arbeiten können, wird die Ausscheidungsfunktion ganz langsam schwächer und der Mensch immer müder. Wer dann zum Arzt geht, hat gleich einen Nierenwert, der um das Vielfache des Normalen erhöht ist. Dann geht die Suche nach der Ursache los: liegt es am Kreislauf, ist es eine autoimmunologisch-entzündliche Erkrankung oder können die Nieren den Harn nicht mehr anständig in die Blase treiben? Im Ultraschall kann man sehr schnell erkennen, ob eine Abflussstörung mit Stauung vorliegt oder ob die Niere durch andere Ursachen an Funktion eingebüßt hat. Bei echten keimbedingten Entzündungen oder Nierensteinen wird man oft durch Schmerzen oder Fieber auf die Ursache aufmerksam. Aber es kann auch durch sehr langsames Wachstum zu sehr großen Nierensteinen kommen, die keinerlei Beschwerden hervorrufen und erst durch die schlechte Nierenfunktion auffallen. Dagegen verursachen kleine Steine, die durch den Harnleiter wandern, extreme Nierenkoliken. Auf der Schmerzskala von 1 bis 10 erreichen diese Koliken den Höchstwert von 10. Diese Patienten suchen schnellstmöglich ärztliche Hilfe auf. Kann man Nierenerkrankungen vorbeugen? Sport treiben und ordentlich trinken ist empfehlenswert. Rauchen sollte man auf keinen Fall, weil das häufig zu Nieren- und Blasenkrebs führt. Außerdem brauchen die Nieren einen steten, gesunden Blutdruck – sie sind schließlich die Blutdruckorgane des Körpers. Ein hoher Blutdruck ist ganz schlecht, das sollte man verhindern “ und sei es mit Medikamenten. PROF. DR. MED. ALEXANDER LAMPEL Direktor der Klinik für Urologie und Kinderurologie Schwarzwald-Baar-Klinikum Villingen-Schwenningen aktiv Winter 2021 | 29